Die Verzweiflung war groß und so waren wir die dritte tierärztliche Praxis, die die Tierbesitzer nach Konsultation des Haustierarztes und der Tierklinik aufsuchten. Seit einer Woche fraß die 13 jährige sibirische Katze namens Lilli gar nichts mehr von alleine und wurde mehr oder weniger zwangsernährt. Die Liste der Untersuchungen war lang: Nach Blutuntersuchungen, Strahlendiagnostik, Ultraschall des Bauches, kardiologischer Untersuchung inklusive Sonographie und immunologischen Schnelltests war schon fast alles gemacht worden, was diagnostisch möglich war.

Vorberichtlich zeigte sich an relevanten Ergebnissen ein positives Ergebnis für FIV und bei den Röntgenaufnahmen fanden wir einen prominenten Thoraxerguss als auffälligsten Befund. Der Bauchraum war bis auf eine leichte Vergrößerung der Leber unauffällig und auch das Herz war ohne besonderen Befund. In den Blutwerten zeigten sich Hinweise auf eine Infektion inkl. einer Erhöhung von Globulinen.

Uns war klar, dass wir den Thoraxerguss punktieren mussten, um herauszufinden, ob wir der Katze noch weiterhelfen könnten. Insgesamt erhielten wir 9 ml gelblich-klares fadenziehendes Punktat, das eine hohe Dichte aufwies. Mittels unseres neuen KI-unterstützten digitalen Mikroskops VetScan konnten wir diese Flüssigkeit nach Ausstrich durch einen Pathologen genauer untersuchen lassen. Das Ergebnis stand schnell fest: Die zytzologische Untersuchung des Punktats deutete darauf hin, dass eine Infektion mit dem FIP-Virus vorliegen könnte.

Feline Infektiöse Peritonitis (FIP) kommt sehr selten bei etwa 1-2% der Katzenpopulation vor und galt bis vor kurzem als tödliche verlaufende feline Coronavirus-Infektion. Mittlerweile gibt es Heilung durch ein antivirales Medikament namens GS-441524. Es hemmt die FIPV-Replikation, also die Vermehrung des Virus und kann bei der sog. trockenen und feuchten FIP eingesetzt werden. Der Wirkstoff kann als Tablette oder subkutane Injektion verabreicht werden. Behandelte Katzen zeigen meist kurz nach Behandlungsbeginn schon sichtbare Anzeichen der Genesung.

Da GS-441524 auf dem deutschen Arzneimittelmarkt noch nicht zugelassen ist, dürfen wir Tierärzte das Medikament weder beschaffen noch anwenden. Es soll zuverlässige Quellen über den Tierschutz geben, worüber sich die Besitzer das Medikament besorgen können.

Zurück zu unserem Fallbericht:

Zur Verifizierung der Diagnose schickten wir das Punktat des Thorax ins Labor, um einen FIP-Virus RealPCR Test durchführen zu lassen. Das Ergebnis war positiv, d.h., es wurde in der eingesandten Probe felines Coronavirus FCoV nachgewiesen. Darüber hinaus wurde die Mutation M1058L im
Spike-S-Protein-Gen nachgewiesen, von der angenommen wird, dass sie für die virale Pathogenese und Ausbreitung verantwortlich ist. Bei einer Katze mit klinischen Symptomen, die mit FIP übereinstimmen, unterstützt die Identifizierung dieses
Biotyps die Diagnose der Krankheit.

Außerdem nahmen wir Blut für die sog. Serumelektrophorese ab, die weitere Hinweise auf eine mögliche FIP Erkrankung lieferte. Außerdem ergänzten wir die weiteren diagnostischen Maßnahmen mit einer erneute Untersuchung auf FeLV/FIV -Antikörper, da vorberichtlich ein Schnelltest auf FIV durchgeführt worden war, der positiv war. Wir wollten abklären, ob es sich um ein falsch positives Ergebnis handeln könnte. Leider wurde uns diese Hoffnung nicht erfüllt. Es konnten auch Antikörper gegen das Feline Immundefizienz-Virus (FIV)
nachgewiesen werden. Der Test weist eine hohe Spezifität auf, dennoch lautet die Empfehlung, jedes positive Ergebnis mit Westernblot zu bestätigen.

Therapie:
Da es Lilli zu dem Zeitpunkt der Diagnosestellung schon sehr schlecht ging, kam es zeitnah zur Anwendung von GS-441524 und einen Tag später begann die Katze wieder zu fressen. Die Therapie ist langwierig und wir können nur die Daumen drücken, dass die FIP bei Lilli geheilt werden kann. Wie sich die gleichzeitige FIV Infektion auf den Krankheitsverlauf auswirken wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Es fehlen leider Erfahrungswerte und wir hoffen sehr, dass die Studien an der LMU München unter Frau Prof. Hartmann zur FIP Behandlung weitere Erkenntnisse liefern.

Take Home message

FIP ist nicht immer leicht zu diagnostizieren, da nicht in allen Fällen typische Symptome wie Fieber, Aszites, Gelbsucht u.a. vorliegen müssen und auch nicht immer typische blutchemische Veränderungen vorhanden sind.

Eine FIP Diagnose ist mittlerweile nicht mehr das Todesurteil.

Wir wünschen uns, dass es hoffentlich bald zur Zulassung des Medikaments GS-441524 auf dem deutschen Arzneimittelmarkt kommen wird, damit wir Tierärzte die erkrankten Katzen noch besser heilen können.

Weitere interessante Artikel und Ratschläge

Ohren­erkrankungen – Otitis externa

Ohrenentzündungen kommen beim Hund sehr häufig vor. In den meisten Fällen handelt es sich um die sogenannte Otitis ...

mehr lesen

Zahn­sanierung bei der Katze

Eine der häufigsten Eingriffe in unserer Praxis sind Zahnbehandlungen bei der Katze. Denn Zahnerkrankungen, Zahnfleischentzündungen und FORL (Feline ...

mehr lesen